Alexandra Müller-Jontschewa

Die Heimsuchung es heiligen Antonius

"... Das Thema der Versuchung gehört zu den artistischen Herausforderungen an Künstler seit Jahrhunderten, ein Paradethema der phantastischen Welten, ein Spiegel bildgewaltiger Konfliktbearbeitung. In Zeitläufen besonderer Verunsicherung des Menschen ist es von großer Aktualität. ..."

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Alexandra Müller-Jontschewa | Die Heimsuchung des heiligen Antonius | 155 x 180 cm | 1995
Martin Schongauer: Die Versuchung des hl. Antonius 1470

Die Bildidee wie das Kompositionsprinzip gehen auf einen populären Kupferstich Martin Schongauers um 1470 (Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett) zurück. Der spätgotische Kupferstich zeigt in zentraler Komposition einen schwebenden Antonius, umringt von Dämonen, die an dem Heiligen zerren, ihn zwicken und schlagen. Schongauer war für seine innovativen Bildideen und die hervorragende Qualität seiner Druckgrafiken auch in Italien und bis nach Spanien bekannt. In der Werkstadt des Domenico Ghirlandaio (1449 – 1494) entstand wohl um 1490 nach Vorlage des Kupferstichs ein Ölgemälde, vermehrt um die Anlage eines weiten Landschaftspanoramas im Geiste des Florentiner Humanismus. Dort hat nach Niederschrift von Vasari auch Michelangelo Schongauer kopiert. Den Schongauerschen Kompositionsgedanken greift A. Müller-Jontschewa auf und scheint auch von dem italienischen Tafelgemälde inspiriert. Die Malerin erweitert das Figurenensemble und führt die ursprüngliche reine Peinigungsszene auf die Darstellung in der Vita Antonii zurück, indem Quälerei (Peinigung) und sinnliche wie materielle Verführung (Versuchung) beschrieben werden, eine Quelle der großen Popularität der Antonius-Legende vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Die Malerin führt die Peinigung und Verführung fassettenreich in einer Komposition zusammen und interpretiert die Renaissanceidee einer geistigen Landschaft persönlich neu zu einem zweiten Bildthema.

In ungewisser Ferne erschmelzen Meer und Firmament, während an buchtenreichen Gestaden sich Kuppeln wohlhabender Seestädte erheben. Im Vordergrund öffnet sich ein Felsendom. Darin erscheint das Selbstbildnis der Künstlerin, teils verdeckt durch einen Bischof mit Krummstab, nach dem ein Engel greift. Das Messgewand des Bischofs erfährt eine Verwandlung in Wasser und stürzt aufschäumend in die Tiefe.

Am Firmament vollzieht sich der Kampf des Antonius mit Allegorien des Bösen und ihren Attributen. Ein dreiköpfiger Drache sticht mit der Lanze zu, eine Nereide erzeugt Lärm, die nackte Frau müht sich um Verführung, ein Hahn hält die Waage mit Kanne (Völlerei) und Münzen (Reichtum), an dem sich schon ein Dämon zu schaffen macht, und der Teufel, auf seinem Rücken eine Venusmuschel, will das Schamtuch entfernen. Das Thema der Versuchung gehört zu den artistischen Herausforderungen an Künstler seit Jahrhunderten, ein Paradethema der phantastischen Welten, ein Spiegel bildgewaltiger Konfliktbearbeitung. In Zeitläufen besonderer Verunsicherung des Menschen ist es von großer Aktualität.

 

Text: Dr. Kuno Schumacher

aus: Aktuell - GEGENSTÄNDLICHE KUNST, Innenansichten – Weltbetrachtungen, GEGENSTÄNDLICHE KUNST IN DEUTSCHLAND 2014

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Letzte Aktualisierung: 28.08.2018

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